Unsere Viejährige steht neben ihrem Papa im Garten und hält sich vorsorglich ihre Ohren zu. Argwöhnisch beobachtet sie, wie er den Rasenmäher auf die Wiese schiebt. Ich greife in den Rucksack, werde rasch fündig und setze meiner Tochter ihre Lärmschutzkopfhörer auf. Sie entspannt sich merklich und schaut beim Rasenmähen zu.
Diese Szene, die auf andere etwas wundersam wirken mag, ist für uns Normalität.
Denn mein Kind ist hochsensibel.
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Besonders auf laute Geräusche reagiert sie empfindlich. Das ist schon seit dem Babyalter so, und wird sich vermutlich auch nicht verändern, wenn auch ihre Schreckhaftigkeit gegenüber manchen Geräuschquellen/Situationen aus Gewohnheit teils abnimmt.
Das erste Mal fiel mir ihre Sensibilität in Bezug auf Geräusche auf, als sie als Baby immer mal wieder aufgelöst schrie und ich den Grund suchte. Es dauerte, bis ich ihn erkannte: Sie schrie immer dann, wenn ich mit Tüten oder z.B. mit Alufolie raschelte. An ihrem ersten Geburtstag packte sie keine Geschenke aus, weil das Geräusch beim Papieraufreißen sie störte. Sie schrie auch, wenn jemand nieste, den sie nicht im Blick hatte. Und im Laufalter sprang sie ängstlich auf meinen Arm, jaulte irgendwo ein Motor auf. Oft nahm ich die Geräusche selber kaum wahr, bis meine Tochter darauf reagierte. Bis heute soll ich die Fenster schließen, wenn von draußen laute Geräusche kommen. Und von Silvesterböllern fangen wir am besten gar nicht erst an. – Die Lärmschutzkopfhörer unserer Tochter sind also unser alltäglicher Begleiter. An manchen Tagen braucht sie sie häufiger, als an anderen. Und manche Geräusche erträgt sie mit der Zeit besser. Staubsaugen kann ich inzwischen auch, wenn sie sie nicht trägt. Früher ging das nicht.
Nicht nur Geräusche, auch in anderen Bereichen fühlt unsere Tochter extremer, als andere. Schuhkauf und Kleidungskauf sind Geduldsproben, wenn Nähte drücken, Verschlüsse kratzen und der Rüschenärmel an dem schönen Oberteil unangenehm sitzt. Fremden begegnet sie mit großer Zurückhaltung. Genauso neuen Situationen. Ein Besuch im Indoorspielplatz? Eine Hüpfburg auf einem Straßenfest? Nahezu undenkbar. Zu viele Kinder, zu viel Trubel, zu viel Lautstärke. — Einen Kindergarten besucht sie nicht, auf dem Kindergartenhof um die Ecke ist ihr viel zu viel los. Dass wir kindergartenfrei sowieso bevorzugen, kommt ihrem Charakter zugute. Eine Regelschule kommt für uns später nicht in Frage. Wir wollen eine Schulform, die sie besser begleitet.
Da stehen wir also: Mit einem ganz normalen und trotzdem irgendwie „andersartigen“ Kind. Und werden selber von manchen Eltern als andersartig betrachtet – denn: wir leben erziehungsfrei. Das heißt, dass wir unsere Tochter nicht konventionell erziehen.
Was ist eigentlich Erziehung? Das ist sicherlich auch eine Definitionssache. Für uns ist Erziehung das Formen kindlicher Eigenschaften hin zu allgemeingültigen Werten (Erziehungszielen) mithilfe von (gewaltsamen) Erziehungsmethoden, wie Bestrafungen, Beschämung, manipulativer Belohnung, Liebesentzug/Ignorieren, oder ähnlichen Methoden. Wir verzichten auf solche Mechanismen, und setzen stattdessen auf eine gewaltfreie Kommunikation, Augenhöhe und bedürfnisorientierte Lösungsfindung bei Konflikten. Machen kann hier aber niemand, was er will. Das wird oft falsch interpretiert.
Das Problem an Erziehung ist, das Erziehung an Erwartungen gekoppelt ist,
wie ein Kind zu sein hat. Werden Erwartungen nicht erfüllt, wird erzieherisch korrigiert; meist ohne auf das Kind und sein*ihre Bedürfnisse zu schauen. Das ist für alle Kinder (!), für hochsensible Kinder noch mehr, problematisch. Ein hochsensibles Kind erfüllt nämlich vielleicht noch etwas häufiger, als ein normalsensibles Kind, Erwartungen nicht – und ist auch einfach nicht in der Lage (!), das zu ändern, egal wie sehr an ihm*ihr erzogen wird.
Meine Tochter reagiert schreckhaft auf laute Geräusche, egal wie oft ich sie ermahnen würde, sich nicht anzustellen. Oder ihr Schreien übergangen wäre, weil „sie das ja auch mal lernen muss“. Sie zu bestrafen, weil sie wütet, weil Eindrücke ihr zu viel werden, wäre nicht fair. Und ja, nach dem dritten Tragen drückt die Naht an der neuen Hose eben manchmal doch unangenehm, egal ob ich damit drohen würde, dass sie nie wieder neue Sachen bekommt, wenn sie die ständig plötzlich nicht mehr anziehen mag.
Erziehung hilft nicht, Konflikte zu lösen. Nie.
Und bei Hochsensibilität schonmal gar nicht.
Nicht erzieherisch zu reagieren (also mit erzieherischen Impulsen, wie Schimpfen und Drohen, wie es die die meisten von uns aus der eigenen Kindheit kennen), sondern unsere Tochter und ihre Bedürfnisse (auch) aus ihrer Perspektive zu betrachten, hilft uns, unsere Erwartungen an ein Kind, „wie es sein sollte“, herunterzuschrauben, und sie zu sehen und anzunehmen, wie sie eben ist: Hochsensibel. Es hilft, Lösungen zu finden, die zu ihr und ihren Eigenheiten und uns als Familie (!) passen. – Wie etwa Lärmschutzkopfhörer im Rucksack, oder bewusst eingeplante Geduld beim Schuhkauf.
Wenn ich eine Erfahrung mit meiner Tochter sammeln durfte, dann, dass es nichts bringt, sie in ein ideales Bild hineinpressen zu wollen. Dass Erziehung nichts bringt. Weder uns, noch unserem Kind tut der Druck gut, funktionieren zu sollen, wie andere das erwarten. Ich kann sie nicht zwingen, zu tun und zu ertragen, was ihr schwerfällt, nur weil es das gesellschaftliche Kindbild sein mag, dass sie genau das aber tun sollte.
Mehr noch, weiß ich mittlerweile, dass wir ihr vertrauen können. Mit der Zeit findet sie Wege und Strategien, mit den „zu vielen“ Sinneseindrücken umzugehen. Es gibt immer wieder Dinge, die einst nie gingen, Duschen zum Beispiel, die sie irgendwann probiert – ohne Zwang. Ohne Erziehung. Ohne „das muss aber“ und „das macht man so“. Wir als Eltern haben die besondere Aufgabe, unsere Kinder auf ihren Wegen zu stärken. Feinfühlig. Und vielleicht ist es das, was hochsensible Kinder ihren Eltern schenken: Die Einladung, feinfühliger in ihre Welt und in die Welt, die uns alle umgibt, hineinzublicken.
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Fiona Lewald ist Mutter einer vierjährigen Tochter und aktuell schwanger mit ihrem zweiten Kind. Auf www.unverbogenkindsein.de bloggt sie seit 2017 über Erziehungsfreiheit, Bindungsorientierung, Kindergartenfrei und andere umstrittene Elternthemen.